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Mentale Gesundheit

Gesund aufwachsen im digitalen Zeitalter

eine Frau mit zwei Kindern eine Frau mit zwei Kindern
Datum:
25. Juni 2026
Lesezeit:
5 min

Digitale Medien sind heute ein fester Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen. Sie eröffnen neue Möglichkeiten – stellen Familien jedoch auch vor viele Herausforderungen. Wie kann es gelingen, dass junge Menschen gesund aufwachsen, sich sicher in digitalen Räumen bewegen und zugleich wichtige Kompetenzen fürs Leben entwickeln?

In Deutschland haben bereits drei Viertel der Zehn- bis Zwölfjährigen ein eigenes Smartphone. Für Professor Dieter Braus, Psychiater und Klinikdirektor der Vitos Klinik Eichberg, ist das zu früh. Im Gespräch mit unserer Redaktion vertritt er eine klare Haltung, die auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt: Kinder sollten möglichst lange ohne eigenes Smartphone aufwachsen und digitale Medien zunächst begleitet nutzen.

Dabei geht es ihm nicht um Kulturkritik oder Verbote. Vielmehr zeigt die Forschung, dass Kinder in jungen Jahren besonders sensibel auf digitale Reize reagieren. Schnelle Belohnungen, endloses Scrollen und ständige soziale Rückmeldungen können das kindliche Gehirn überfordern. Selbst Erwachsenen fällt es oft schwer, sich diesen Mechanismen zu entziehen – für Kinder gilt das umso mehr.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Während Erwachsene Reize besser filtern und sich eher selbst begrenzen können, sind Kinder dazu rein mental-körperlich noch nicht in der Lage. „Das Gehirn von Kindern ist noch nicht ausgereift, noch nicht robust“, erklärt Professor Braus. Das betrifft vor allem die Bereiche, die für Selbstkontrolle, Konzentration und den Umgang mit Gefühlen zuständig sind. Wichtige Fähigkeiten wie Sprache, Aufmerksamkeit, Frustrationstoleranz und soziale Kompetenz entwickeln sich in der frühen Kindheit vor allem durch echte Beziehungen, Spiel, Bewegung, Vorlesen und Schlaf. Wenn Bildschirmzeit diese Erfahrungen verdrängt, geht es nicht nur um „zu viel Medien“, sondern um zu wenig von dem, was das Gehirn eigentlich zum Reifen braucht.

Deshalb sieht der Fachmann Erwachsene in der Pflicht, Kinder zu schützen – notfalls auch durch klare Grenzen oder gar Gesetze.

Medien sind nicht per se problematisch

Nicht jede intensive Nutzung digitaler Medien ist automatisch schädlich. Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Kontrolle verloren geht, Schlaf leidet oder Kinder mit nicht altersgemäßen Inhalten konfrontiert werden. Auch Themen wie Cybermobbing oder übermäßiger Leistungsdruck in sozialen Netzwerken spielen eine Rolle.

Dazu Professor Braus: „Etwa sechs von zehn Kindern und Jugendlichen kommen mit den Bedingungen des heutigen Aufwachsens recht gut zurecht. Bei den übrigen vier von zehn zeigt sich jedoch eine größere Anfälligkeit für auffälliges Verhalten. Sie reagieren oft impulsiver, können sich schlechter konzentrieren, sind in ihrer Motorik unsicherer und schätzen Gefahren weniger gut ein.“ Außerdem sei bei ihnen das Risiko für psychische Erkrankungen höher, die mit anhaltendem Stress zusammenhängen, wie Angst und Depression. All das zeige sich mitunter erst Jahre später.

Kinder brauchen echte Erfahrungen

Deshalb plädiert der Psychiater und Neurologe dafür, Kindern so viele Erfahrungen wie möglich abseits von Bildschirmen zu ermöglichen: Bewegung, kreative Aktivitäten wie Basteln oder Malen, mit Freunden spielen, ein Instrument lernen, die Natur erkunden. „Kinder haben soziale Gehirne“, sagt Braus. „Sie sind darauf programmiert, mit anderen zu interagieren, sich sozial einzubringen. Sie brauchen den Kontakt zu anderen Kindern, keine virtuellen Spielkameraden.“

Erwachsene fordert er deshalb auf, die eigene Mediennutzung kritisch zu hinterfragen, in der Familie klare Regeln zu vereinbaren – und diese auch durchzusetzen, selbst wenn das manchmal zu Protest oder Wutausbrüchen führt. „Eltern müssen nicht die Freunde ihrer Kinder sein“, sagt er und ist sich darüber im Klaren, dass elterliche Konsequenz durchaus anstrengend sein kann.

Medien verstehen statt verbieten

Sinnvoll ist es, nicht allein auf Verbote, sondern auch auf Begleitung und Aufklärung zu setzen. Kinder sollten lernen, digitale Inhalte zu verstehen, zu hinterfragen und bewusst zu nutzen. Medienkompetenz bedeutet, Risiken zu erkennen, aber auch Chancen zu nutzen – also letztlich eher Medienmündigkeit.

Dabei spielen Eltern und Bezugspersonen eine zentrale Rolle. Wer Interesse zeigt, nachfragt und gemeinsam mit Kindern Medien erlebt, schafft Vertrauen und Orientierung. Ebenso wichtig sind klare Regeln, die altersgerecht sind und verlässlich eingehalten werden.

Kinder brauchen Schutz, Bindung, Begleitung sowie Erwachsene, die hinschauen und Sicherheit bieten. Auch bei älteren Kindern und Jugendlichen bleibt es wichtig, im Gespräch zu bleiben und Interesse an ihrer digitalen Lebenswelt zu zeigen. 

Die zentrale Frage ist nicht nur, ab welchem Alter ein eigenes Smartphone sinnvoll ist. Entscheidend ist, wie ein Alltag gestaltet werden kann, der genügend Raum lässt für Bewegung, Freundschaften, Erholung – auch für Langeweile – und damit für ein gesundes Aufwachsen.

Hilfreiche Angebote

  • SCHAU HIN! Bietet praxisnahe Tipps zur Medienerziehung und Orientierung im digitalen Alltag – www.schau-hin.info.
  • klicksafe: Informiert über Chancen und Risiken digitaler Medien und stärkt die Medienkompetenz – www.klicksafe.de.
  • freii: Die kostenfreie App unterstützt Eltern und Kinder dabei, einen bewussten und sicheren Umgang mit digitalen Medien zu entwickeln – freii.de.

Tipps für Eltern

  • Nutzung begleiten: Entdecken Sie gemeinsam die Medienwelt und führen Sie Ihr Kind schrittweise heran.
  • Vorbild sein: Überdenken Sie Ihre eigene Mediennutzung und gehen Sie mit gutem Beispiel voran.
  • Klare Regeln vereinbaren: Feste Absprachen zur Mediennutzung geben Orientierung.
  • Interesse zeigen: Lassen Sie sich zeigen, was Ihr Kind online macht.
  • Im Gespräch bleiben: Offene Gespräche schaffen Vertrauen und helfen bei Problemen.
  • Medien gemeinsam reflektieren: Sprechen Sie über bewusste Nutzung, Pausen und Grenzen.
  • Risiken thematisieren: Erklären Sie altersgerecht Themen wie Fake News, Werbung oder Cybermobbing.

Mediensuchtscreening für Teenager

Die BKK Pfalz bietet im Rahmen ihres Vorsorgeprogramms Starke Kids spezielle Mediensucht- und Depressionsscreenings für Teenager zwischen zwölf und siebzehn Jahren an. Sie helfen dabei, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und richtig einzuordnen. Dann lässt sich beurteilen, ob weitere Schritte sinnvoll sind.

Professor Dieter Braus

Porträt von Professor Braus

© Foto: privat

ist Psychiater und Klinikdirektor der Vitos Klinik Eichberg in Eltville am Rhein.

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